Chelsea FC – VfB Stuttgart 1:0 (0:0) 13.05.1998 PDF Drucken E-Mail
Berichte - Saison 97/98
Geschrieben von: Sascha   

Endspiel Europapokal der Pokalsieger
Stadion: Råsunda, Solna
Zuschauer: 30.216

Torsten hat es bereits mit dem Bericht BTSV-Bayern aus der Saison 83/84 vorgemacht, daher von mir auch ein etwas längeres Gedächtnisprotokoll aus der Saison 97/98.

Nach den Siegen gegen ÍB Vestmannaeyja, Germinal Ekeren, Slavia Prag und Lokomotive Moskau stand der VfB im Pokalsiegerwettbewerb nach neun Jahren endlich mal wieder in einem europäischen Endspiel. 1989 verloren die Schwaben seinerzeit im damaligen Uefa-Pokal unglücklich gegen den SSC Neapel und dessen Superstar Diego Maradona. Nach einer 1:2-Niederlage in Italien gab es ein 3:3-Spektakel im Neckarstadion.

Ich erinnere mich noch genau an den 3:3-Anschluß-Treffer von Olaf Schmäler und fühlte mich dabei auch ein bißchen stolz, denn ein Jahr zuvor streiften er und sein Zwillingsbruder Nils sich noch das Eintracht-Jersey über bevor sie zum VfB wechselten. Zwei ehemalige Braunschweiger standen in den Uefa-Cup-Endspielen auf den Platz und einer erzielte gar einen Treffer, das war schon geil. Ein Triumph blieb damals leider aus, aber vielleicht sollte den Schwaben diesmal der große Wurf gelingen.

Bernd aus Beckum, den ich ein Jahr zuvor beim DFB-Pokal-Endspiel gegen Energie Cottbus kennenlernte, sorgte sich um die Eintritts- und Buskarten. Er organisierte auch unsere Weiterfahrt nach Schwaben, denn leider konnten wir nicht unterwegs in die Reisebusse einsteigen, dies war nur am Stuttgarter Hauptbahnhof möglich. Also startete ich meine Reise nach Beckum per Bahn am Montag. Die Fahrt verlief im Großen und Ganzen auch reibungslos, aber kurz vor dem Ziel blieb der Regionalzug liegen und an meinem Abteil zogen dicke Rauchschwaden vorbei. Dieser unfreiwillige Stopp ereignete sich aufgrund eines Defekts der Bremsvorrichtung. Es ist aber zum Glück nichts Schlimmeres passiert und niemand kam zu Schaden. Meine Reise sollte also mit schlechten Vorzeichen beginnen. Nach ca. 1 Stunde Langeweile in der tiefsten Pampa bewegte sich der Zug endlich weiter Richtung Beckum.

Bernd holte mich am Bahnhof ab. Bei ihm zu Hause angekommen sollte ich dann auch endlich unsere Mitfahrgelegenheit kennen lernen. Eine niedliche Stuttgarterin, die in Hamburg studierte, war so nett uns in die Neckarmetropole zu bringen. Der Abend wurde dann mit einem kleinen Umtrunk beendet.

Am nächsten Morgen machten wir uns dann auf die Weiterfahrt gen Stuttgart. In Höhe Frankfurt durften wir dann an einem Naturschauspiel teilnehmen. Über die Autobahn zog sich ein schwarzer Schleier, der beachtlich näher kam. Danach klatsche es ziemlich laut auf die Windschutzscheibe und ein grüner Schmierfilm zierte anschließend die selbige. Der schwarze Schleier entpuppte sich als Maikäferplage, die seit Tagen die Region Frankfurt heimsuchte. Nach diesem doch eher ekelhaften Zwischenereignis sollte aber nichts weiter Aufregendes passieren.

Am frühen Vormittag erreichten wir dann schließlich den Hbf. in Stuttgart. Leider hatte ich es total verpeilt vorher noch ein paar Spaßmacher für unterwegs zu besorgen und da ich die Fahrt nicht unbedingt bleifrei antreten wollte, bin ich kurzum in den Bahnhof und habe mir für teures Geld eine Palette Bier erstanden. Leider währte der Besitz meiner neuen 24 Freunde nicht lange, denn der Reiseleiter verweigerte mir den Zustieg mit alkoholischen Getränken. Nach vergeblichen einreden auf den Knaben musste ich mich beugen und übergab die Palette schweren Herzens unserer Fahrerin.

Während der Fahrt versuchte besagter Reiseleiter der verstimmten Menge dann auch zu verklickern, daß die Uefa ein striktes Alkoholverbot für die Fanbusse ausgesprochen hätte. Auch Stopps an Raststätten seien untersagt, es dürften nur normale Parkplätze angesteuert werden. Diese Aussagen stießen bei mir und dem Rest der Besatzung allerdings auf Unverständnis, denn eine plausible Erklärung wie der Europäische Fußball-Verand dies kontrollieren wollte wurde nicht abgegeben. So durfte ich also die Fahrt bis Schleswig-Holstein im unterhopften Zustand erleiden. Verdammter Mist!

Also vertrieb ich mir die Zeit bis Travemünde anderweitig mit schlafen, lesen und labern. Im Fährhafen ermahnte uns der Reiseleiter abermals auf unseren Alkoholkonsum während der Überfahrt zu achten. Die Uefa hätte Alkoholkontrollen in Trelleborg installiert und jeder Reisegast mit Restalkohol darf Schweden nicht betreten. Da ich aber nicht daran glaubte und meines Erachtens ein Einreiseverbot gar nicht durchzuführen war, peilte ich nach dem Bezug meiner Kajüte schnurstracks das Bordrestaurant an. Der Saal war schon gut gefüllt mit dem Schwabenvolk welches dem erlittenen Alkoholentzug entsprechend entgegen trat. Die vollste Aufmerksamkeit bekam dabei der schwarze Kellner, der eine frappierende Ähnlichkeit mit Jonathan Akpoborie hatte, seinerzeit in Diensten des VfB. Bei jedem Sichtkontakt tönte ein „Johnny Akboborie ooh-oh-oh-oh-ooh“ durch den Raum und ring ihm dabei jedes Mal ein Lächeln ab. Zu später Stunde hieß es dann allerdings, daß die Alkoholvorräte erschöpft seien. Dies war aber wohl nur ein Schachzug des Personals, um uns alle loszuwerden.

Nach kurzer Nacht und reichhaltigem Frühstück folgte das Abenteuer „Trelleborg betreten“. Hier tummelte sich aber wie von mir bereits erwartet kein einziger Alkoholkontrolleur herum. Wir tingelten mit dem Bus weiter zu unserem Ziel Råsunda, natürlich wieder alkoholfrei. Um mir die folgende Zeit zu vertreiben, hielt ich die Augen nach den nordischen Paarhufern offen. Eine Sichtung blieb mir allerdings verwährt, ich war in Schweden zu diesem Zeitpunkt wohl der einzige Elch weit und breit.

Als wir schließlich in die Umgebung von Stockholm kamen, stoppte uns dort die ortsansässige Polizei. Unser Reiseleiter kündigte nun den angeblichen Alkoholtest an. Es stellte sich aber heraus, daß die Schutzmänner uns lediglich den Weg nach Solna erklärten. Ferner teilten sie uns mit, daß ganz Stockholm dem VfB die Daumen drücke, da die Tommys tags zuvor in der Innenstadt „aufräumten“.

Nach kurzer Irrfahrt erreichten wir schließlich die Stockholmer Nachbarstadt. Bis zum Anpfiff war noch ein wenig Zeit, die man sich im Stadionumfeld vertrieb. Viel zu sehen gab’s hier allerdings nicht. Der Einlaß ins Råsunda war dann zugegeben ein Augenschmauß. Die kleinen Schwedinnen die hier die Karten abrissen oder den Weg beschrieben, waren auf der Wertungsskala ganz oben anzusiedeln. Sozusagen wurden mir hier die allerleckersten Schwedenhäppchen vorgesetzt. Unser Weg zum Block führte durch ein Treppenhaus, die Außenwand des Stadions war verglast. Hier hatten wir einen schönen Überblick über Solna und den Stadionvorplatz, wo wir dem Treiben noch ein wenig folgten. Wenig später bezogen wir unsere Plätze im Oberrang. Der Block unter uns sowie die restlichen Ränge vom Råsunda waren fest in englischer Hand. 15.000 Londoner standen 4.000 Stuttgartern entgegen. Während des Spiels war dies aber nicht festzustellen, den von der Stimmung des CFC-Anhangs habe ich mir schon allein wegen der zahlenmäßigen Überlegenheit ein bißchen mehr erhofft.

Der VfB konnte früh seine Anfangsnervosität ablegen und bestimmte über den stark beginnenden Krassimir Balakov ab der 10. Minute das Spiel. In der 12. Minute nutzte aber Balakov ein Zuspiel von Akpoborie nicht, eine Minute später verfehlte Fredi Bobic nach einem Querschläger von Clarke das Tor. Ab Mitte der ersten Halbzeit übernahm dann Chelsea die Initiative. Auf Stuttgarter Seite ließ aber das Abwehrbollwerk mit Berthold, Schneider, Yakin und Soldo den Angriffsbemühungen der Engländer nur wenig Möglichkeiten. Balakov wurde aber zusehends schlechter und die Außenbahnen mit Haber und Hagner waren die Schwachpunkte im Stuttgarter Spiel.

Der VfB kam noch einige male gefährlich vor das Tor der Londoner, die Chancenauswertung war allerdings inkonsequent. Besser machte es dagegen der für Tore André Flo gekommene Gianfranco Zola. Keine 20 Sekunden auf dem Feld, nutzte er in der 71. Minute einen herrlichen Paß von Gustavo Poyet zum alles entscheidenen 1:0. Der jetzt ausbrechende Jubel der Londoner ähnelte einem Erdbeben. Chelsea dezimierte sich fünf Minuten vor Ende durch die rote Karte von Petrescu, die Schwaben konnten aber die Feldüberlegenheit nicht mehr gewinnbringend umsetzten und verloren selbst in der 90. Minute Gerhard Poschner wegen Schiedsrichterbeleidigung. Also sollte wieder ein Finale verloren gehen, obwohl hier bei konsequenterer Chancenverwertung mehr drin gewesen wäre. Ich sah noch ein wenig der Siegerehrung zu, ehe ich ein wenig enttäuscht das Stadion verließ.

Ich traf als einer der ersten am Bus ein. Und siehe da, endlich war der Alkohol freigegeben. So ergatterte ich die letzten vier Sixpacks „Stuttgarter Hofbräu“ und nahm meinen Platz ein. Die Aufregung der anderen Fahrgäste wir indes umso größer, weil kein Bier mehr da war und ich heimste die ersten vernichtenden Blicke ein. Aber wer zu spät kommt, den bestraft nun mal bekanntlich das Leben. Trotz Niederlage begann die Rückfahrt für mich also mit einem leichten Grinsen im Gesicht.

Dieses sollte mir allerdings zur frühen Morgenstunde wieder vergehen. Als ich meine Äuglein nach einer längeren Regenerationsphase wieder öffnete war mein letzter Sixpack vom Tisch verschwunden. Urplötzlich übersprang ich die Aufwachphase, fluchte und schimpfte herum. Außer vier Leutchen schlief der restliche Bus noch, also sollten diese Vier Opfer meines Zornes werden. Zuerst verneinten Sie noch den Diebstahl meines Schatzes, zahlten dann aber nach längerer Diskussionsrunde den mir erlittenen Schaden zumindest geldmäßig wieder zurück.

Danach vertrieb ich mir irgendwie die Zeit bis Trelleborg, wo wir erneut auf der Fähre eincheckten. Die darauffolgenden Stunden werden sich beim Bordpersonal gewiss eingebrannt haben. Ich behalte die Schilderungen aber lieber für mich, da bei Euch sonst garantiert ein Kopfschütteln hervorgerufen wird. Nur soviel sei gesagt, daß wir am Ende der Schiffsreise nicht mehr viele Freunde auf dem Tucker besaßen.

In Travemünde ging’s wieder in den Bus und die letzte Etappe wurde aufgenommen. Zum Glück mussten Bernd und ich nicht die komplette Fahrt bis Stuttgart tätigen sondern konnten Raststätte Wülferode aussteigen. Mit der S-Bahn fuhren wir bis Hannoi Hbf., wo sich die Wege von uns schließlich trennten. Per Regionalzug erreichte ich daraufhin endlich wieder das gesegnete Braunschweig, wo Marco schon auf mich wartete um mich letztendlich nach Hause zu kutschieren.

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