Gastbericht: Deutschland - Schottland 2:1 (1:0) 07.09.2014 PDF Drucken E-Mail
Berichte - Saison 14/15
Geschrieben von: Björn (Society Braunschweig)   

EM-Qualifikation
Stadion: Westfalenstadion, Dortmund
Zuschauer: ca. 60.209

Nachdem mein letztes Länderspiel auf deutschem Boden 2009 eine reine Karnevalsveranstaltung der ach so tollen Schland-Bewegung war, auf der ich, obwohl Reihe 4, nichts sah, weil vor mir jemand seine traumhaft schöne Irokesen-Perücke präsentierte, die Hymne nicht singen konnte, weil man ja ganz schicke Fotos von den Schweinis und Poldis machen musste, schwor ich Heimspielen unserer Nationalmannschaft eigentlich ab.

Die Rechnung hatte ich ohne meine Freunde aus Rogätz gemacht, die Bibi und mir zum Polterabend 5 Jahre später Karten für o.g. Länderspiel schenkten. Kurioserweise war ich sofort Feuer und Flamme. Dortmund ist immer geil, Flutlicht, Spiel am Wochenende (also kein Geraffel wegen Urlaub und so) und die Vorfreude auf 5000+x sanges- und trinkfreudige Schotten – die Vorzeichen konnten besser nicht sein. Als mein spezieller Spezi mit der Nummer 19 zwei Wochen später im Maracana auch noch dafür sorgte, dass man den neuen Weltmeister zum ersten Pflichtspiel nach dem Eintrag in die Geschichtsbücher in der Fussballkathedrale begrüßen durfte, war der Fall klar.

Hotels in Dortmund waren ausgebucht, also rüber nach Bochum, wo ich im IBIS schon häufiger aufgrund der genialen Anbindung mit 1 Minute Fussweg zum Bahnhof schon häufiger eingecheckt hatte. Samstag, also am Tag vor dem Spiel reisten wir an und wollten uns einen schönen Tag im Ruhrpott machen, die Planungen bekamen aber durch die streikenden Lokführer einen Schlag ins Kontor, bis zum späten Vormittag hing man in Bochum fest, so dass es dann nur noch zu einer, zugegebermaßen netten zweieinhalbstündigen Hafenrundfahrt in Duisburg reichte. Hier erlebte man schon den einen oder anderen Kilt-Träger, was die Vorfreude auf den nächsten Tag immer wieder sprunghaft steigen ließ Lächelnd.

Durch das frühe Aufstehen um 5 Uhr waren wir danach doch etwas angeschlagen und begaben uns nach dem traditionellen Einkehren in unserem Bochumer Stammsteakhaus „Argentina“ aufs Zimmer….wären wir mal den Abend noch mal auf zwei, drei Bier nach Dortmund gefahren…okay, es wäre nicht bei zwei, drei Bier geblieben.

Am nächsten Morgen fuhren wir dann zeitig in die deutsche Fussballhauptstadt, besuchten zunächst den Phoenix-See, genossen dort etwas das Leben, bevor es dann zum Alten Markt ging. Was hier los war, ist mit Worten kaum zu beschreiben, das Verhältnis war gefühlt 15:1 pro Schottland, der ganze Platz war geschmückt mit schottischen Flaggen, semi-schmeichelhaften Sprüchen über den Nachbarn aus dem Süden und Symphatiebekundungen gegenüber dem Nationalheiligen William Wallace. Dazwischen wimmelte es von Trikots mit weißem Kreuz auf blauem Grund und natürlich Schottenröcke wohin man sah. Und das Schöne: Nicht einen einzigen Polizisten. Einzigartige Stimmung. Wir fanden tatsächlich noch zwei Plätze schräg vor dem BVB-Fanshop(in der 105-jährigen Vereinsgeschichte vermutlich das erste Mal, dass es niemanden störte, dass BVB-Hoheitsgebiet blau-weiß dekoriert war), neben einer Dreier-Gruppe von cirka 60-jährigen Schotten. Der gleich neben mir sah sofort wie beeindruckt Bibi das Treiben beobachtete und sprach mich direkt an. „Entschuldigen Sie, Sir, this is for your girl!“ und drückte mir einen Pin mit schottischem Andreas-Kreuz und dem Satz „I´ve met the Tartan Army“ in die Hand. Damit war das Eis natürlich sofort gebrochen und Derrick (so sein Name) und ich fachsimpelten über Schottland, den dortigen Fussball, Derricks Aufenthalt mit der Royal Scottish Army 1974 in Munster und Bergen und über das anstehende Referendum über die Unabhängigkeit Schottlands. Im Gegensatz zu seinem Kumpel Billy, bei dem ich außer ein gelegentliches zustimmendes „Ay“ wirklich null komma null verstand, bemühte sich Derrick um sauberes Englisch, was zu einem sehr genialen Gespräch führte. Er erzählte, dass am Vorabend noch mehr Schotten am Alten Markt rumliefen und nonstop Dudelsack und schottische Volkslieder zum Besten gaben. Meiner traurigen Frage ob denn heute ein kollektiver Hangover noch mehr Stimmung verhinderte, entgegnete er mit einem lauten Lachen und der ebenso amüsanten wie unerwarteten Antwort, dass man die sagenhafte und traumhafte Gastfreundschaft der Deutschen als guter Gast nicht überstrapazieren wollte, man hätte schließlich gehört, dass es der Deutsche an sich am Sonntag gerne etwas ruhiger mag.

Bibi wiederum wollte unbedingt wissen, was am Gerücht dran sei, dass der Schotte unter seinem Rock blanko unterwegs ist, ich wollte aber aus Angst, dass gleich 20 Schotten kollektiv blankziehen, nicht übersetzen, konnte diese Frage aber nach der ersten Pinkelpause dennoch stilsicher beantworten. 6 Pissoirs, 5 Schotten und ich und alle 5 verfuhren nach dem Motto „Rock hoch, laufen lassen“ Geile Nummer eigentlich, kein Stress mit Gürtel und Hosenstall, einfacher geht’s nicht wenn man schon leicht einen sitzen hat. Man braucht auch keinen Ort wo man sein Bier abstellt, geht ja alles einhändig.

Nach zwei Stunden verließen wir die Szenerie, natürlich nicht ohne Fotos mit unseren neuen Freunden, die sich mit Umarmung, herzlichem Dank für die Gastlichkeit und einem „All the best for you!“ verabschiedeten.

Nächster Halt: Kreuzviertel. Hier liefen wir den Strategen der Sektion Mitteldeutschland über den Weg, die sich nach der nächstbesten Kneipe erkundigten. Da konnte ich natürlich Abhilfe schaffen. Dann wurde es lustig. Ein Teil der Gruppe war nämlich so extrem bajuwarisch angehaucht, dass man sich zunächst weigerte, in der, logischerweise schwarz-gelb dekorierten, Wirtschaft „Kumpel Erich“ Platz zu nehmen. Lustig daher, weil ja grade die Dortmunder Fans dazu aufgerufen wurden, später im Stadion den Judas freundlich zu begrüßen, man sei hier ja schließlich für Deutschland unterwegs. Gerüchten zufolge war kurzzeitig sogar eine „Danke Mario“-Choreo angedacht, die jedoch verworfen wurde, um den Graben zwischen den Fangruppen der beiden deutschen Vorzeigevereine nicht zu einem unüberwindbaren Ozean anwachsen zu lassen. Erst nach meiner Äußerung, dass man das ja aus München nicht kenne, dass eine Kneipe in rot-weiß geschmückt ist und das derjenige der in Dortmund in einem Glas-Bier-Geschäft ohne jegliche schwarz-gelbe Färbung vor dem Spiel noch ein Bier trinken will a) das Spiel verpasst und b) verdurstet, begab sich der Rest der Gruppe an den Tisch.

Auch hier liefen viele Schotten älteren Semesters rum, die uns mit zahlreichen „YES“-Aufklebern versorgten, somit waren wir jetzt auch pro schottischer Unabhängigkeit. Einer der Jungs erläuterte seine politische Meinung noch auf Fußballsprache mit dem T-Shirt „I support two Teams! SCOTLAND and whatever England ist playing with!“

Nach zwei Bier brachen wir auf Richtung Strobelallee. Nach weiteren Bieren im Biergarten Rote Erde ging's ins Stadion. Hier traf man zuallererst auf den Koppelmüller, der sich lauthals darüber beschwerte, dass am heutigen Tag lediglich kastriertes Bier auf der Karte stand. „Auf Krawall gebürstet“ war da noch schmeichelhaft, es hätte nicht mehr viel gefehlt und er hätte Bibi´s Desinfektionsspray getrunken, da dieses laut Verpackung über Spuren von Alkohol verfügt. Nachdem man den Fanpressesprecher halbwegs besänftigt hatte, suchten wir unsere Plätze auf der Südtribüne auf.

Jetzt war ich geschockt. Hätte mir bei meinem ersten Erlebnis hier im emotionalen Epizentrum des Dortmunder Fußballs 1995 jemand erzählt, dass hier mal so ein Volk rumlaufen würde, ich hätte schlichtweg hysterisch gelacht.

Das Publikum passte aber zu dem ganzen Bohei, was um dieses Spiel, (wir erinnern uns ->EM-Quali, 1. Spieltag), gemacht wurde. Zunächst musste der Bundes-Kevin, vermutlich mit Gewehrlauf im Rücken, über die Videoleinwand den Aufruf bezüglich der Begrüßung eines gewissen Abtrünnigen untermauern, beim DFB hoffte man offenbar auf mehr Gehör, wenn ein Sohn der Südtribüne die Worte zum Besten gibt. Anschließend durfte Manuel Neuer eine Anti-Rassismus-Charta zum Besten geben, alles untermalt von einer Stadionsprecherin, die mit ihrer Stimmlage vermutlich auch ohne Mikro in der Lage ist, ein ganzes Stadion in einen kollektiven Hörsturz zu katapultieren.

Zum Einlaufen der Teams gab's auf der Süd eine feine Choreo, ein überdimensionaler goldener Stern auf schwarz-rotem Untergrund begrüßte den frisch gebackenen Weltmeister, bei dem sich 9 Brasilien-Fahrer in der Startaufstellung wiederfanden.

Von Anfang an das erwartete Bild, Deutschland mit mehr Ballbesitz, die Schotten ihr Heil in der Defensive suchend, allerdings nicht ohne auf Kontermöglichkeiten zu lauern.

Die ersten zwei Chancen dann auch folgerichtig für den Gastgeber, Müller vergab jedoch jeweils.

Bereits jetzt konnte man schon ein Fazit über die Stimmung ziehen. Gefühlt 95% der deutschen Besucher erwarteten hier nicht weniger als ein Schützenfest. „Ihr seid Weltmeister, ich habe einen Haufen Geld bezahlt, unterhaltet mich gefälligst!“ Anders war es nicht zu erklären, dass bereits nach 10 Minuten erste Unmutsbekundungen zu vernehmen waren.

Da Thomas Müller diese Erwartungshaltung ja aus seiner Heimat kennt, hatte er dann auch ein Einsehen. Eine butterweiche Flanke des Hoffenheimers Rudy bugsierte er per Hinterkopf aus 6 Metern über den völlig verdutzten Gästekeeper Marshall hinweg ins lange Eck. Wer jetzt auf einen Jubelorkan spekulierte sah sich getäuscht, lag aber dieses Mal nur bedingt an den mitunter lethargisch anmutenden Besuchern, Olli Pocher´s „Schwarz und Weiß“ hallte so laut durch die altehrwürdigen Gemäuer des Westfalenstadions, das man sich den Jubel eigentlich sparen konnte.

Während man auf der Süd, bis auf die aufopferungsvoll singende Truppe der SMD neben mir, wieder in den alten Trott fiel, übernahmen die Gästefans langsam aber sicher die Stimmungshoheit. „Scotland, Scotland“ vernahm man immer deutlicher und ich erwischte mich dabei, wie ich den Bravehearts zumindest ein Tor gönnte, weil ich sehen wollte wie die Jungs abdrehen. Genau in die Drangphase der Schotten auf den Rängen fiel eine strittige Situation auf dem Geläuf, Höwedes konnte sich als letzter Mann gegen den durchstartenden Naismith nur mit einem Trikotzupfer helfen, der Schiri ließ aber weiterlaufen.

Nach zwei schönen aber ertraglosen Einzelaktionen von Reus plätscherte das Spiel allerdings vor sich hin. Was auffiel war, dass man gegen tief stehende Schotten, die ja nun durch die Bank weg mit dem Attribut „kopfballstark“ auf die Welt kommen, erstaunlich oft Flanken in die Mitte schlug, wo der ja nun nicht grade baumlange Schütze des WM-Tores seine liebe Mühe hatte.

Kurz vor der Pause, ging dann doch nochmal ein Raunen durchs deutsche Publikum, Manu der Libero hatte seinen großen Auftritt und leitete mit einer Grätsche 30 Meter vor dem Tor sogar noch einen Angriff ein. Der blieb allerdings ebenso folgenlos wie die letzten zwei Minuten.

In der Pause schnell ein Bier geholt, (ja richtig gelesen. „Schnell Bier holen“ und „Südtribüne Dortmund“ muss sich nicht per se ausschließen, alkoholfrei Bitburger für 4 Euro + 3 Euro Pfand“ machen's möglich) dann ging's weiter.

Und siehe da, die Schotten hatten ihre Nervosität endgültig abgelegt, die merkten nämlich auch, dass hier was ging, wirklich überragend war das was unsere Jungs hier heute fabrizierten wahrlich nicht.

Zunächst düpierte Naismith mit einem Bauerntrick Höwedes direkt an der Torauslinie, hatte mit dem Abschluss aber Pech, 5 Minuten später dann der (vielleicht nicht hochverdient, aufgrund des Einsatzes aber definitiv gegönnte) Ausgleich. Unser Spieler mit der Nummer 19 verliert den Ball an Fletcher der mustergültig Anya bedient, der läuft auf und davon und überwindet Neuer mit einem herrlichen Flachschuss(66.). Ab jetzt hörte man komplett nur noch Schottland. Der Gästesektor komplett am durchdrehen und auch ein ganzer Block auf der Gegengerade war am Feiern. Genial! Und ja, ein bisschen freute ich mich auch. Für Derrick Am meisten schien der Torschütze selbst zu feiern, am nächsten Tag gab er über Twitter zu Protokoll wie happy er ist und dass er gegen Neuer noch nicht mal bei FIFA ´14 ein Tor geschafft hat. Das ist echte Freude… sympathisch allemal.

Lange jubeln konnten die Jungs aber nicht. Ein Tohuwabohu im schottischen Strafraum, nutzte, natürlich, wer sonst, der goldrichtig stehende Müller und knallte das Spielgerät ins Netz.

Damit war der Widerstand der Gäste gebrochen.

Auf der Süd fingen nun ein paar Unverbesserliche an, Mario Gxxxe-Sprechchöre zu rufen, was aber umgehend Pfiffe zur Folge hatte. Unsinnig sowas – also die Sprechchöre. Unsere Jungs spielten den Stiefel nun gekonnt runter, alles hätte planmäßig laufen können, wenn da nicht Pechvogel Marco Reus wieder kurz vor Schluss umgeknickt wäre. Sah alles andere als gut aus.

Der Abpfiff war noch nicht verhallt, da war die Entertainment-Industrie schon wieder voll in ihrem Element, man verstand kaum sein eigenes Wort, weswegen Bibi und ich auch umgehend das Weite suchten.

Der Abtransport verlief traumhaft, man merkte dass man hier normalerweise 20000 Zuschauer mehr in die Innenstadt bringt und so waren wir eine gute Stunde nach Abpfiff bereits wieder im Hotel, wo wir bei einem Bier von der Hotelbar den Abend ausklingen ließen.

Auch wenn das jetzt zwischen den Zeilen nicht immer so rüberkam….es war echt ein geniales Wochenende. Die mitgereisten Schotten – weltmeisterlich! Dass die DFB-Elf nicht wirklich überragend war, geschenkt. Im Pflichtspiel 1 ohne Klose, Lahm und Mertesacker muss man sich ja auch erst mal finden und Teams von der Insel sind ja eh traditionell schwer zu bespielen. Lediglich über die Stimmung gehört der Mantel des Schweigens, aber das mit dem Erfolg das Klientel anzieht, dass man eigentlich nicht haben will, kennt man in München und leider auch Dortmund und sogar in Ansätzen schon BS zu genüge.

Tausend Dank an Mischa, Sascha und Römi, ohne die wir das Erlebnis „5000 Schotten in Dortmund“ nicht erlebt hätten, wir freuen uns auf das Rückspiel in exakt einem Jahr Lächelnd.

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